Warum Hypnose den angeketteten Elefanten befreit

»Ich kann nicht«, sagte sie. »Ich kann es einfach nicht. Ich kann nicht loslassen.«
»Bist du sicher?« fragte ich meine Klientin.
»Ja. Ich möchte mich zwar von ihr trennen. Aber ich weiss, dass ich es nicht kann.«

Sie sass im Hypnosesessel, ihre Augen geschlossen, die Beine gestreckt und rutschte unruhig hin und her. Sie war in einer guten Hypnose. Und sie weinte. Ich sass an ihrer rechten Seite auf meinem Stuhl. Sie hatte vor drei Wochen diesen Termin für Hypnose bei mir vereinbart. Sie wollte sich von ihrer Partnerin trennen, schaffte es jedoch einfach nicht, von ihr loszukommen, weil sie in ihren alten Glaubensmustern gefangen war. Und deshalb sass sie nun da.

Ich sah sie an und sprach leise. Das tue ich immer, wenn ich möchte, dass mir meine KlientInnen aufmerksam zuhören. Ich sagte zu ihr: «Ich erzähle dir jetzt eine Geschichte. Die Geschichte vom angeketteten Elefanten. Einverstanden?» Sie nickte und sagte: «Ja.»

 

Der angekettete Elefant

«Ich war schon als kleines Mädchen von den Elefanten fasziniert. Diese Dickhäuter haben es mir besonders angetan. Sie sind so gross und schwer und doch so sanft. Und sie haben eine ungeheure Kraft. Irgendwann fiel mir auf, dass die Elefanten im Zirkus immer angebunden sind. Mit einer Kette an einen Pflock. Dieser Pflock ist allerdings nichts weiter als ein Stück Holz, das nur wenige Zentimeter tief in der Erde steckt. Und obwohl die Kette mächtig und schwer ist, stand für mich ganz ausser Zweifel, dass ein Tier, das die Kraft hat, einen Baum mitsamt der Wurzel auszureissen, sich mit Leichtigkeit von einem solchen Pflock befreien und fliehen könnte. Diese Vorstellung irritierte mich, und ich fragte mich: ‘Was hält sie zurück? Warum machen sie sich nicht auf und davon?’

Als kleines Mädchen vertraute ich noch auf die Weisheit der Erwachsenen. Also fragte ich meinen Vater, warum ein Elefant sich nicht einfach losmacht. Er erklärte mir, der Elefant mache sich nicht aus dem Staub, weil er dressiert sei. Meine nächste Frage lag auf der Hand: ‘Warum muss er denn angekettet werden, wenn er dressiert ist?’

Heute kenne ich die Antwort: Der Zirkuselefant flieht nicht, weil er sein ganzes Leben, seit er ein Baby war, an einen solchen Pflock gekettet wird. Als er als kleiner wehrloser Elefant versuchte, sich zu befreien, schubste, zog und schwitzte, reichte ihm die Kraft dafür nicht aus. Trotz aller Anstrengung gelang es ihm nicht, weil dieser Pflock für seine Verhältnisse viel zu fest in der Erde steckte. Er schlief irgendwann vor lauter Erschöpfung ein, und am folgenden Tag unternahm er wieder einen Befreiungsversuch. Mit dem gleichen Ergebnis. Er hatte es wieder nicht geschafft. Er versuchte es am darauffolgenden Tag wieder, und am nächsten Tag wieder, und am nächsten wieder, und am nächsten … Bis er eines Tages seine Ohnmacht akzeptierte und sich in sein angebundenes Schicksal fügte. Dieser grosse, so kräftige und schwere Dickhäuter flieht nicht, weil der Ärmste glaubt, dass er es nicht kann!

Allzu tief hat sich die Erinnerung daran, wie ohnmächtig er sich kurz nach seiner Geburt gefühlt hatte, in sein Gedächtnis eingebrannt. Und diese Erinnerung hat er nie wieder ernsthaft hinterfragt. Nie wieder hat er versucht, seine Kraft auf die Probe zu stellen. (Angelehnt an die Geschichte von Jorge Bucay: Der angekettete Elefant. Anm. Red.)

Uns allen geht es ein bisschen so wie diesem Elefanten. Wir bewegen uns in der Welt, als wären wir an Hunderte von Pflöcken gekettet.

Wir glauben, einen ganzen Haufen Dinge nicht zu können, bloss weil uns vor sehr langer Zeit, damals, als wir noch klein waren, dies uns so gesagt wurde. Wir haben uns immer und immer wieder genauso verhalten wie der Elefant, und in unser Gedächtnis hat sich die Botschaft eingebrannt: ‘Ich kann das nicht, und ich werde es niemals können.’ Mit der Botschaft, dass wir machtlos seien, sind wir gross geworden, und seitdem haben wir uns nicht von unseren Pflöcken losgerissen.«

Ich machte eine Pause. Dann rückte ich mit meinem Stuhl ein wenig näher heran und sprach weiter: »Genau dasselbe hast auch du erlebt. Dein Leben ist von der Erinnerung an dich selbst geprägt. Dir wurde immer und immer wieder eingebläut, dass du das nicht kannst, und das nicht, und das auch nicht, und du nichts auf die Reihe bekommst. Irgendwann hast du es als Tatsache akzeptiert und dich deinem Schicksal gefügt. Genau wie der kleine Elefant.» Sie hörte mir zu und nickte immer wieder.

Wie ich in meinem Artikel über das Unterbewusstsein geschrieben hatte, speichert unser Unterbewusstsein Erlebtes mit Hilfe von Bildern, Formen, Farben, Gerüchen und Emotionen ab.

Kommen wir im Leben nun in eine gewisse Situation, die unserem Unterbewusstsein bekannt vorkommt, holt es die entsprechenden Bilder, Farben, Gerüche und Emotionen dazu aus seinem Speicher hoch. Und dann verhalten wir uns genauso wie in der damaligen Situation. Die gleichen Glaubenssätze kommen wieder zur Anwendung und lassen uns Dinge einfach ungefragt akzeptieren oder nicht tun.

«Ich erzähle dir nun diese Geschichte zu Ende.», sagte ich zu ihr. Sie nickte, und ich fuhr fort.

 

Die Geschichte geht weiter

«Eines Tages wurde dem Elefanten die Kette abgenommen, um zu sehen, wie er darauf reagiert. Obwohl er nun hätte weglaufen können, tat er es nicht. Er verhielt sich einfach weiter so, als wäre er noch immer angekettet. Er machte keinen Schritt vor, keinen zurück. Er verharrte an Ort und Stelle. Es schien ganz so, als wüsste er nichts Anderes zu tun, als einfach da zu stehen. Bis einer der Tierpfleger des Zirkus’ auf die Idee kam, ihn mit etwas Neuem zu beschäftigen, mit etwas, das er noch nicht kannte. Er sollte etwas machen, das er bis dahin noch nie gemacht hatte. Und so kam es, dass der Tierpfleger mit ihm etwas einstudierte. Der Elefant freute sich und verhielt sich auf einmal so, als wäre er noch klein. Der Pfleger hatte es doch tatsächlich geschafft, ihn aus seinem eingefahrenen Verhalten herauszulocken.

Der einzige Weg, diese Erinnerung loszuwerden, ist hier und jetzt. Und darum bist du ja heute bei mir. Bist du bereit für etwas Neues?» Und sie antwortete mit einem deutlichen: «Ja.»

Unser Unterbewusstsein ist sehr träge und braucht ganz viel Überzeugungskraft. Wir müssen es mit etwas Neuem beschäftigen, damit es aus seinem Hamsterrad kommt. Dieses Hamsterrad kann aus einem Muster schlechter Angewohnheiten bestehen. Es können aber auch verschiedene negative oder hemmende Glaubenssätze aus unserer Vergangenheit oder aus unserer jetzigen Überzeugung sein, die uns darin gefangen halten.

Während meine KlientInnen in Hypnose sind, spreche ich direkt ihr Unterbewusstsein an. Das Unterbewusstsein hat eine enorme Vorstellungskraft. Wenn ich also eine Geschichte erzähle – wie beispielsweise die mit dem Elefanten – rege ich die Vorstellungskraft an. Dank der durch Hypnose angeregten Vorstellungskraft kommen die KlientInnen aus ihrem Hamsterrad heraus. Ganz so, wie der Elefant in der Geschichte.

Nach der Hypnosesitzung wirkte die Klientin sehr erleichtert. Bei der Verabschiedung meinte sie: «Ich bin ein freier Elefant.»  Einige Wochen später besuchte sie mich in der Praxis und brachte mir einen wunderschönen Blumenstrauss. Sie erzählte mir, dass sie sich in der Zwischenzeit von ihrer Partnerin getrennt habe und endlich wieder zufrieden mit sich und der Welt sei. Dafür wolle sie sich bei mir bedanken und werde mich auf jeden Fall weiterempfehlen.

Hypnose befreit den angeketteten Elefanten. Und Hypnose geht so einfach!

Herzlich, Monica

Tags:, , , , , , , , ,

Trackback von deiner Website.

Kommentare (2)

  • Avatar

    Sandra Blabl

    |

    So halten uns unsere Glaubenssätze, die wir in der Kindheit gelernt haben, zurück und blockieren uns. Sehr schön beschrieben, liebe Monica.

    Befreie noch viele deiner Klienten von ihren imaginären Ketten und schicke sie in die Freiheit!

    Hypnotische Grüsse
    Sandra

    Reply

    • Avatar

      Monica Rehm

      |

      Herzlichen Dank, liebe Sandra!
      Geniesse die sonnigen Tage, und lass es dir gut gehen!
      Herzlich, Monica

      Reply

Kommentieren

Standort

Noch bis zum 25. Oktober 2019
Akademie MR
Praxis more4life

Europastrasse 17
CH - 8152 Glattbrugg (beim Flughafen Zürich)

Weiter lesen...

Kontakt

monica.u.rehm@gmail.com
+41 78 840 44 75
monica-rehm.com

a-live-gmbh.com

mydoterra.com/monicarehm