Nebeneinander

Weisst du, dass Weihnachten und die Zeit drum herum für mich immer mehr an Bedeutung verloren hat? Nein, natürlich nicht. Kannst du ja gar nicht wissen. Deshalb erzähle ich dir heute, weshalb das so ist.

Wie die allermeisten Kinder liebte ich Weihnachten und das ganze Drumherum heiss. Die Vorfreude auf das Verteilen der Geschenke. Kekse backen mit meiner Mutter. Die Zeit mit meinem Vater in seiner Werkstatt. Die verschiedenen Düfte, die aus der Küche in den Gang hinauskrochen und mir das Wasser im Mund zusammenlaufen liessen. Die Geräusche aus der Stube, wenn meine Mutter beim Schmücken des Christbaumes war. Das leise Knistern des Geschenkpapieres.

An Heiligabend wurden mein Vater und ich aus der Wohnstube ausgesperrt, während sich meine Mutter um das Schmücken des Christbaumes kümmerte. Dann verzogen sich mein Vater und ich in sein Reich, seine Werkstatt im Keller. Am Weg in seine Werkstatt lag eine Tür davor der Vorratsraum. Und dem statteten wir natürlich auch noch einen Besuch ab. Mit einem Glas Gewürzgurken – bei uns heissen die Essiggurken, und ich weiss mittlerweile auch warum, denn sie sind echt sauer – und einem Stück Speck vom befreundeten Bauern im Südschwarzwald in den Händen setzten wir uns dann in seine Werkstatt. Ja, damals war tierisches Eiweiss noch Teil meines Speiseplans.

Das Stück Speck legte mein Vater fein säuberlich auf ein Brettchen und schnitt es mit einem scharfen Messer in hauchdünne Scheiben. Diese Scheiben waren so dünn, dass das Messer hindurchschimmerte. Genüsslich verzehrten wir Scheibe um Scheibe von dem leckeren Speck und die Gewürzgurken, und mein Vater erzählte mir irgendwelche lustigen Geschichten dazu, oder wir liessen uns irgendeinen Schabernack einfallen. Habe ich schon erwähnt, dass ich diese Momente mit meinem Vater in seiner Werkstatt einfach liebte? Ich genoss diese Momente der Zweisamkeit, in denen ich meinen Vater ganz für mich alleine hatte. Das war nicht nur wie Weihnachten sondern auch Ostern und Pfingsten obendrauf.


Momente der Zweisamkeit

Mein Vater verliess nämlich jeden Tag frühmorgens um Viertel vor sechs bereits unser Haus und fuhr mit seinem Fahrrad zur Arbeit, sommers wie winters. Also sah ich ihn am Morgen nicht mehr. Über Mittag kam er jeweils nach Hause geradelt, um mit meiner Mutter und mir zusammen Mittag zu essen und sich danach eine halbe Stunde aufs Sofa zu legen und seinen Mittagsschlaf abzuhalten, bevor er dann wieder zur Arbeit radelte. Da hatte ich auch nicht viel von ihm. Und abends kam er manchmal von seiner Schicht so spät nach Hause, dass ich unter Umständen schon im Bett lag und schlief.

Also genoss ich diese Momente mit meinem Vater sehr. Manchmal trieben wir unseren Schabernack allzu sehr auf die Höhe und waren dabei so laut, dass uns meine Mutter zu mehr Ruhe ermahnte. Das brachte uns umso mehr zum Lachen. Es kam auch vor, dass wir in der Werkstatt so viel aus der Vorratskammer verzehrten, dass wir danach gar keinen Hunger mehr hatten. Und doch taten wir natürlich so, als hätten wir Riesenkohldampf, denn wir wollten ja unserer Mutter nicht die Freude an dem köstlichen und mit viel Liebe zubereiteten Essen verderben. Und so ein wunderbares Essen gehörte einfach zu einem gelungenen Familienfest dazu.

Meinen Eltern war es wichtig, Heiligabend im Kreise der Familie zu feiern, und sie hielten diese Tradition hoch. Auch wenn mein Vater kein Kirchengänger war, so kam es das eine oder andere Jahr dennoch vor, dass wir nach dem Essen und dem Auspacken der Geschenke zusammen in die Stadt fuhren, um an einem der zahlreichen Gottesdienste teilzunehmen und so die Feierlichkeiten an Heiligabend gemeinsam abzuschliessen.

Je älter ich wurde, desto mehr verlor dieses Familienfest jedoch für mich an Bedeutung. Warum?


Warum Weihnachten für mich an Bedeutung verloren hat

Irgendwann, das muss in meiner Pubertät gewesen sein, fiel mir auf, was um Weihnachten für ein Rummel betrieben wird. Mir fiel auf, dass dieser ganze Rummel vor allem durch die Verkaufsgeschäfte sämtlicher Ausrichtung künstlich erzeugt wurde und wird. Die Zeit vor und an Weihnachten wurde zur umsatzstärksten Zeit erklärt. Und unsere konsumgeprägte Gesellschaft sprang auf diesen Zug auf und macht schön bei diesem Spiel mit. Der Konsumwahn liess die eigentliche Bedeutung dieses Festes total verblassen.

Ich habe mich umgehört und Menschen befragt, was für sie Weihnachten bedeutet. Und ich erhielt Antworten, die sogar mich, die ich nicht religiös bin, schockierten. Eine lautete: „Weihnachten? Weiss ich nicht, aber ich kriege geile Geschenke.“ Die meisten anderen Antworten zielten in dieselbe Richtung. Soweit haben also die Geschäftemacherei und unser dazu passendes Verhalten Weihnachten zu einem Fest des Konsums verkommen lassen.

Was mich traurig macht, ist, dass die Liebe, die Wärme, die Freude, die zwischenmenschliche Ebene und die Besinnlichkeit dabei ganz und gar auf der Strecke bleiben. Es geht nicht mehr darum, einander Aufmerksamkeit zu schenken und einige friedliche Abende miteinander zu verbringen. Es ist viel wichtiger geworden, wer wem die schöneren und teureren Geschenke macht. Vom ursprünglichen Hintergrund ganz zu schweigen. Das Fest der Liebe, als das es heute irrwitzigerweise noch immer dargestellt wird, ist zu einem Fest des Konsumierens geworden. Je teurer das Geschenk, desto grösser die Liebe! Was für ein Wahnsinn …

Ebenso viele Menschen feiern Weihnachten, indem sie zwar zusammen etwas Leckeres essen, dann aber einen so genannt gemütlichen Abend vor dem Fernseher verbringen. Sie reden nicht miteinander, haben sich nichts zu sagen. Sitzen nebeneinander auf dem Sofa und schauen fern. Statt miteinander wird Weihnachten nebeneinanderher gefeiert. Wie friedlich!


Nebeneinander statt miteinander

Es ist ja in der Regel so, dass die meisten Menschen den Geschenkekauf auf die letzte sich bietende Möglichkeit hinauszögern. In einer Riesenhektik werden dann die Geschenke doch noch besorgt. Und wehe, es gibt das Geschenk, was man sich für seinen Lieblingsmenschen ausgedacht hat dann nicht … Was für ein Stress! Und dieser Stress, die aufgeladene schlechte Energie, der angestaute Ärger und der ganze Frust entladen sich dann genau am Tisch, wo alle zusammen sitzen und gemeinsam das köstliche Essen geniessen und Weihnachten feiern wollen. Statt ein Fest der Liebe zu feiern, fliegen die Fetzen. Und am Ende verzieht sich jeder in seine Ecke. Auch dann findet Weihnachten nicht mehr miteinander sondern nebeneinander statt. Und darauf hatte ich keinen Bock mehr … Das hat sich bis heute nicht geändert.

Das Fest der Liebe, das Familienfest schlechthin, ist von einem Miteinander zu einem wuseligen Konsumfest und zu einem Nebeneinander geworden. Und zu diesem Nebeneinander habe ich einige Zeilen geschrieben.


Nebeneinander

Bilder aus der Glotze konsumieren
Dasitzen und hinstarren
Nichts mehr denken müssen
Geistige Dekadenz

Zwischenmenschliche Werte verblassen
und haben
keine Bedeutung mehr

Vor lauter stumpfsinnigem Konsumverhalten
verliert die Beziehung
jeglichen Sinn

Jeder für sich
Nebeneinander
Keine zärtliche Berührung
Nur noch Schüsse im Fernseher

Wir starren weiter hin
Aus lauter Gewohnheit
Und vergessen einander

Warum?

Ich wünsche dir einen guten Rutsch und ein fantastisches neues Jahr!

 

Herzlich, Monica

Kommentare (4)

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    ursula berchtold

    |

    du sprichst mir aus dem herzen liebe Monica

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    Sibylle

    |

    Monica Rehm ich fand es schön deine Zeilen zu lesen und etwas von deiner Kindheit zu erfahren.
    Es ist schon so, wie du schreibst Weihnachten ist Komsumwahn aber es gibt auch Leute die zelebrieren es.
    Essen lecker mit der Familie, gehen in die Mitternachtsmesse, oder ich holte mir die Weihnachtsstimmung an der Josefswiese eine million Sterne und spendete Caritas etwas, zündete eine Kerze an und betete an die Menschen die von uns gegangen sind und mir noch nahe stehen!!
    Sowie an heilig Abend luden wir unsere Nachbarin ein die hat Alzheimer und ist sehr oft alleine und verbrachten einen tollen Abend.
    So verbinde ich Weihnachten was gibt’s nicht schöneres sein Herz sprechen zulassen und Menschen zu helfen !!!!

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      Ü-Mum

      |

      Gefällt mir sehr:-)

      Reply

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