Abgrenzung und Abgrenzung – ein Erfahrungsbericht

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                                                        Grafik © 2016 by Monica Rehm

 

Was ist Abgrenzung?

Abgrenzung hat mehrere Bedeutungen. Ich kümmere mich in meinem heutigen Blogartikel um die beiden folgenden:

Abgrenzung ist:

A) eine individuelle Setzung der (sozialen) Distanz bei der sozialen Interaktion und

B) eine Diskriminierung, d.h. eine gruppenspezifische soziale Unterscheidung oder Benachteiligung im soziologischen, rechtlichen und psychologischen Sinn.

A) bedeutet verständlich umgemünzt, dass ich mich von äusseren Einflüssen, Reizen und gewissen Schwingungen abgrenze, sie filtere, damit ich davon nicht überflutet werde. Das bedeutet zudem, dass ich von Menschen und Einladungen zu irgendwelchen Veranstaltungen, die mir gerade nicht guttun oder auf die ich keinen Bock habe, Abstand nehmen kann. Ich setze die Grenzen selbst.

A) setze ich ein, um mich selbst zu schützen.

B) bedeutet, dass ich aufgrund meiner Haltung, meiner Hautfarbe, meiner Sprache, meines Aussehens, weil ich nicht um den Brei rumrede, weil ich polarisiere und/oder wegen meiner sexuellen Orientierung diskriminiert werde. Dies ist Abgrenzung im Sinn von Ausgrenzung. Ich setze die Grenzen nicht selbst, sie werden mir von aussen her aufgedrückt.

B) Nehme ich nicht hin.

 

Selbstvernachlässigung

Irgendwo unterwegs auf dem Weg durch mein Leben hatte ich mich verloren. So richtig reingehauen hatte es nach meinem Outing 1999, insbesondere nach meinem unfreiwilligen – nachzulesen in meinem letzten Blogartikel, Momo MUTiviert Frauen.

Ich kroch – das kann ich nicht mehr gehen nennen – durch die tiefsten Täler. Sah den Boden jeder Flasche … weil ich sie selbst leer gesoffen hatte. Mir fehlten meine Eltern und meine Identität. Ich nahm mich nicht mehr wahr und meine Bedürfnisse erst recht nicht mehr. Ich stürzte mich in die Arbeit und auf direktem Weg in ein schweres Burnout, das elf lange Jahre (!!!) anhielt.

Ich vernachlässigte meine eigenen Bedürfnisse komplett. Es fühlte sich toll an, mich selbst zu verdrängen und zu vergessen, wenn ich für alles Andere und die anderen da sein konnte. Wenn etwas Negatives passierte, fühlte ich mich persönlich dafür verantwortlich. Sowohl beruflich als auch privat. Hätte ich nicht etwas tun können, um das Geschehene zu verhindern oder es für den anderen erträglicher zu machen? Hätte ich den anderen so beeinflussen können, dass er nicht in diese Situation gerät?

Wenn es meinem Gegenüber schlecht ging, durfte es mir auch nicht gut gehen. Also übernahm ich dessen Stimmung und machte mich selbst dafür verantwortlich. Ich wusste am Ende nicht mehr, wer ich selber war und verlor mich komplett. Ich fühlte mich vollkommen überfordert, verzweifelt und wertlos.

 

Zusammenbruch

Wie war es soweit gekommen? Ich bin sehr lieb – das ist wahr 😉 – und möchte natürlich auch geliebt und anerkannt werden. Dafür gab ich stets mein letztes Hemd. Ich übernahm schon früh Mitverantwortung für alles und jeden.

Ich bin ja sehr froh darüber, dass ich jetzt gesunden Anteil am Leben und Leiden anderer nehmen kann. Doch du kannst dir sicher denken, wohin das damals, als ich das noch nicht konnte, auf Dauer führte. Es war eine unmögliche Aufgabe, die mich dermassen viel Kraft kostete, dass ich mit der Zeit überhaupt nichts mehr bewältigen konnte.

Und so kam es, wie es kommen musste. Meine mangelnde Abgrenzung führte schliesslich zu:

  • Selbstauflösung, da ich die anderen immer in den Vordergrund gestellt hatte;
  • Selbstverlust, denn ich hatte mehr für andere gelebt als für mich;
  • Selbstzweifel und Selbstanschuldigung;            
  • körperlicher, geistiger und seelischer Überforderung, bis zum Zusammenbruch.

Als ich Ende September 2010 eines Morgens nicht mehr aufstehen konnte, weil meine Beine gelähmt waren, rollte es über mich wie eine Schlammlawine. Ich schaffte es nicht mehr, mich aus dem Morast zu befreien. Ich steckte so richtig in der Scheisse!

Bis dahin war ich für das Wohlergehen der ganzen Welt verantwortlich gewesen. Das meiner damaligen Partnerin – die sich notabene so langsam aber sicher von mir verabschiedete -, meiner Eltern, meiner Firma, meiner Arbeitskolleginnen, meiner Hochschule, meiner Nachbarn, meiner Freundinnen, der Kinder in Afrika, des verletzten Vogels auf meiner Terrasse …

Ich verlor meine Partnerin, hatte in den voraus gegangenen zwei Wochen 50 Überstunden geleistet, musste meine Bachelorarbeit planen, vermisste meine Eltern und war total am Ende. Mein Leben hatte keinen Sinn mehr …

 

Abgrenzung als Selbstschutz

Ich erwachte nach meinem Suizidversuch im Krankenhaus und erfuhr, dass mich meine beste Freundin dahin gebracht hatte, nachdem sie mich in meinem Schlafzimmer aufgelesen hatte. Das liest sich jetzt nicht schön und die Systematik hinter den Dingen wurde mir erst während des Aufenthalts in der Klinik bewusst. Ich musste dringendst an meinem Selbstverständnis arbeiten.

Abgrenzung heisst für mich, dass ich bei mir bin und bleibe. Dass ich nicht jede Entwicklung, Begebenheit, Laune, Meinung der Umwelt an mich heranlasse. Ich nehme mich nicht mehr allem und jedem persönlich an. Ich bewahre meinen eigenen Kern.

Folgendes habe ich gelernt:

  • Ich achte auf mich selbst und betrachte die Dinge differenziert.
  • Rat äussere ich nur dann, wenn er ausdrücklich gewünscht wird.
  • Ich lasse den Menschen ihre Meinung, auch wenn ich davon überzeugt bin, eine andere Lösung wäre besser.
  • Tritt mir jemand kritisch gegenüber, prüfe ich die Angemessenheit. Ich bin nicht für die Gefühle der anderen Menschen verantwortlich.
  • Ich spreche mein Mitgefühl aus und bin da, wenn es notwendig ist. Nicht für alle und nicht ständig. Ich lebe mein eigenes Leben, achte auf mein Wohlbefinden, strebe nach meinen eigenen Zielen.

Ich kann und will nicht die ganze Welt retten.

Ich kann und will dich nicht retten, wenn du meinen Rat nicht annimmst und nicht gerettet werden willst! Punkt!

Abgrenzung als Ausgrenzung

Ausgrenzung erfuhr ich schon sehr früh in meinem Leben. Bereits in den ersten Schuljahren spürte ich immer wieder am eigenen Leib, was es heisst, ausgegrenzt zu werden. Das zog sich wie ein roter Faden durch meine ganze Schulzeit, von der Primarschule bis hin zum Gymnasium. Ich war schon immer ein Mensch mit einem stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Wenn ich mitbekam, dass eine Mitschülerin oder ein Mitschüler ungerecht behandelt wurde, stellte ich mich an ihre/seine Seite und setze mich für sie/ihn ein. Dadurch wurde ich immer wieder selbst ausgegrenzt, angepöbelt, gemobbt, schikaniert und verhauen. Doch das machte mir nichts aus. Mein Gerechtigkeitssinn war stärker.

 

Offen ausgetragene Diskriminierung

Es ist traurig, dass auch im Jahr 2016 die sexuelle Diskriminierung noch ein ganz grosses Thema ist. Wusstest du, dass in mehr als 75 Ländern dieser Welt, Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung verfolgt werden, dass auf Homo- und Bisexualität in diesen Ländern (teils lebenslange) Gefängnisstrafe bis hin zur Todesstrafe steht?

Sexualität ist angeblich Privatsache, so heisst es. Wenn du homosexuell, bisexuell, transsexuell oder intersexuell bist, interessiert es plötzlich die ganze Welt. Es lebe die Doppelmoral … Es wird gepredigt, dass mit uns «etwas nicht stimmt». Dass es nicht normal sei, mitunter heisst es, wir seien krank.

Selbst im ICD 10 (Klassifizierungssystem von psychischen und somatoformen Störungsbildern) ist Homosexualität unter «psychische und Verhaltensstörungen in Verbindung mit der sexuellen Entwicklung und Orientierung» mit der Kennziffer F66.x1 aufgeführt. Die Anmerkung «Die sexuelle Orientierung an sich wird nicht als Störung angesehen», macht das nicht besser.

In diversen Parlamenten wird darüber diskutiert, ob die gleichgeschlechtliche Ehe eingeführt werden soll oder nicht. Die heterosexuelle Ehe war nie Gegenstand von solchen Diskussionen, die ist sogar in der Verfassung verankert …

Reagierst du auf Unbekanntes auch mit Ablehnung und/oder Angst, grenzt es aus? Ist deine Meinung auch von der Kirche geprägt? Bildest du dir deine Meinung auch aufgrund vom Hörensagen oder dem, was so in den Zeitungen und im Fernsehen berichtet wird? Nein? Ich beglückwünsche dich, du gehörst zu einer Minderheit …

 

Selbsterfahrung

In einer derart geprägten Gesellschaft ist es tatsächlich nicht weiter verwunderlich, dass diese Art der Diskriminierung schwer loszuwerden ist. Veränderungen bedeuten viel und mitunter harte Arbeit. Und diese Arbeit beginnt bei jedem einzelnen. Sie beginnt bei mir und bei dir.

Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn nicht du, wer dann?

Ich war selbst davon betroffen. Meine Mutter reagierte auf mein Coming Out mit totaler Ablehnung: «Du bist pervers!», schrie sie mich an, «weisst du, was du uns damit antust?» Ich wurde enterbt und hatte jahrelang keinen Kontakt mehr zu ihr, und leider auch nicht zu meinem Vater. Das war der Beginn meiner Alkoholsucht, meiner Depressionen und meiner jahrelangen Burnout-Karriere.

Aufgrund meiner zurückgewonnenen Selbstsicherheit und Gelassenheit habe ich meine Sucht überwunden, bin frei von Depressionen und Selbstzweifeln. Ich weiss mich richtig abzugrenzen. Ich stehe konsequent für meine Werte und Würde ein und lasse Diskriminierung entweder nicht zu oder stehe gelassen darüber. Ich pflege mittlerweile auch wieder einen ganz tollen Kontakt mit meiner Mutter.

Ich habe gelernt, mit beiden Arten der Abgrenzung in einem für mich gesunden Mass umzugehen.

Dazu brauchte ICH allerdings Jahre.

Doch das Beste kommt zum Schluss: Das kannst du zusammen mit mir und meiner Hypnose auch! Und dafür brauchst DU nur noch wenige Stunden!

Wie das geht, erfährst du, wenn du zu mir kommst 😉

Herzlich, Monica

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Kommentare (12)

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    Jeannette

    |

    Hut ab…!!!!… DU BIST STARK…☺️

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      Monica Rehm

      |

      Liebe Jeannette, herzlichen Dank für deinen Zuspruch! Herzlich, Monica

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    Sandra

    |

    Du bist sehr mutig, liebe Monica. Vielen Dank für Deinen offenen Artikel. Schön, dass Du die Welt bunt machst! Ein schönes Wochenende und jede Menge Vergnügen, Sandra

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      Monica Rehm

      |

      Liebe Sandra, vielen Dank für deine ermutigenden Zeilen! Ich wünsche dir ein ganz buntes Wochenende. Herzlich, Monica

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    Sandra

    |

    Auch mit dieser Offenbarung MUTivierst du andere Menschen. Ich wünsche den Betroffenen, dass sie ihren Weg zu dir finden.

    Herzlichst
    Sandra

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      Monica

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      Herzlichen Dank für deine Worte und deine Impulse! Du hast auch Anteil an meiner Ent-Wicklung 😉 Herzlich, momo

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    Kerstin

    |

    Danke, Monica, für diesen offenen, persönlichen Artikel!
    Ich wünsche dir alles Liebe und Gute und Menschen, die dir guttun!

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      Monica Rehm

      |

      Liebe Kerstin, herzlichen Dank für deine Zeilen. Ich wünsche dir ein tolles Wochenende. Herzlich, Monica

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    Ina Reisel

    |

    Liebe Monica Rehm,

    toller, mutiger Artikel von einer offenbar tollen, mutigen Frau! Danke für diese sehr persönlichen Einblicke, und von Herzen alles Liebe und Gute für den eigenen Weg und die Zusammenarbeit mit anderen MENSCHen in ihrer Vielfalt und Einzigartigkeit!

    Herzliche Grüße
    Ina Reisel

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      Monica Rehm

      |

      Liebe Ina, herzlichen Dank für Ihren Zuspruch. Ich freue mich sehr darüber! Auf ein sonniges Wochenende, herzlich, Monica

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    Carsten Westphal

    |

    Hallo Monika…

    Herzlichen Glückwunsch zu diesem Artikel und ja… Es ist ein Thema der Zeit. Auch dieses zu erkennen kostet viele Menschen Kraft und Mut.
    Du hast es geschafft ubd den Mut offen darüber zu schreiben/sprechen, finde ich super, wenn mir auch eine Art Übergang feglt was mich erwsrten würde etc.

    Aber im Namen vieler Hilfesuchender wünsche ich Dir viel Erfolg und alles Liebe….

    Gruss Carsten

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      Monica Rehm

      |

      Herzlichen Dank für deine Worte und deinen Impuls, Carsten. Sonniges Wochenende, Monica

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